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42-96030 - Luftkriegsarchiv Köln

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42-96030

Abstürze > der USAAF

Vorwort zur Recherche zum Absturz der 42-96030

 
Vor einigen Jahren erfuhr ich von einem Schülerprojekt des Kopernikus-Gymnasiums in Lülsdorf über das Kriegsende in Niederkassel. In dieser Dokumentation aus dem Jahre 1995 wird unter anderem von einem Flugzeugabsturz am 11.April 1945 berichtet, der sich am Ortsrand von Lülsdorf ereignet haben soll.
 
Dokumentiert ist dieses Ereignis ausschließlich in der Schulchronik von Lülsdorf. Nun war meine Neugierde geweckt, weitere historische Quellen ausfindig zu machen, die diesen Absturz und die damit einhergehenden Geschehnisse bestätigen.
 
Erste Recherchen führten mich ins Stadtarchiv von Niederkassel, wo ich das Original der Schulchronik einsehen konnte. Diese Schulchronik ist nicht, wie viele andere Kirchen- und Schulchroniken, nach 1945 durch Umschreibung diverser Seiten oder heraustrennen von Seiten aus der Zeit des Nationalsozialismus verändert worden.
Dies ist unter anderem an den durchnummerierten Seiten der Blankochronik zu erkennen, außerdem ist die Bindung völlig intakt und unversehrt. Auch die Leiterin des Archivs bestätigte mir, dass diese Chronik nicht verändert oder manipuliert wurde. Die Ereignisse der letzten Kriegstage in Lülsdorf sind dort sehr zeitnah verfasst und daher absolut glaubhaft.
 
Der Absturz des Flugzeuges am 11. April 1945 wird aber nicht in den Schulchroniken der Nachbarorte Langel und Zündorf erwähnt. Leider war es mir nicht möglich, trotz mehrfacher Bitte, die Kirchenchroniken von Lülsdorf oder Langel einzusehen, um hier evtl. Erwähnungen der Ereignisse zu finden.
Auch die Recherchen im Kreisarchiv und Stadtarchiv in Bergisch-Gladbach, im Archiv der Stadt Köln (mit den Beständen des ehemaligen Stadtarchivs Porz) oder Recherchen im Landesarchiv in Düsseldorf brachten keinen Hinweis auf den Absturz.
 
Eigentlich sind alle Abstürze amerikanischer Maschinen während des zweiten Weltkrieges recht gut in amerikanischen Militär-Archiven bzw. im National Archiv in Washington dokumentiert. Trotz monatelanger Suche in diesen Archiven und der Durchsicht unzähliger Dokumente war für den 11. April 1945 kein Absturz in der Kölner Gegend vermerkt.
Hier war also kein Weiterkommen, die Suche musste anders fortgesetzt werden. Jedes Detail der Niederschrift aus der Schulchronik musste systematisch überprüft und hinterfragt, jede Kleinigkeit kritisch betrachtet werden.
Und so ging es erst einmal darum, um welchen Flugzeugtyp es sich denn gehandelt haben könnte. In der Chronik wird von 6 Leuten berichtet, die in dem Flugzeug saßen. Damit schieden die großen amerikanischen Bomber B-17 und B-24 aus, sie waren mit einer zahlenmäßig größeren Crew unterwegs. Es blieb zum Schluss der Überlegungen nur noch eine Möglichkeit übrig, es musste ein B-26 Bomber gewesen sein.
 
Ich nahm Kontakt zu diversen Foren im Internet auf, die sich speziell mit der Geschichte und dem Einsatz dieses Flugzeugtyps während des zweiten Weltkrieges befassen.
Nach unzähligen Mails und Telefonaten brachte Trevor Allen von B26.com, ein englischer Historiker und B-26-Kenner, erstes Licht ins Dunkel. Er schrieb mir von einem Absturz am besagten Tag, jedoch sei der Absturzort als „in der Nähe von Bonn“ festgehalten.
Er nannte einige Namen der Besatzung, die Flugzeugnummer und weitere Details, die ein weiteres Forschen an sich hätten einfach gestalten sollen. Aber weit gefehlt, weitere Monate und Stunden um Stunden am PC vergingen, aber es zeichneten sich keine neuen Erkenntnisse ab. Die Maschine und Ihre Besatzung waren nirgendwo verzeichnet, es war zum Verzweifeln.
 
In einem internationalen Fliegerforum habe ich dann meine gesammelten Erkenntnisse eingestellt und nachgefragt, ob irgendjemand irgendetwas zu dieser Geschichte wüsste. Ich bekam hier den Hinweis auf ein Buch, erschienen in den USA, welches die Geschichte der 322nd Bombardment Group erzählt. Und hier fand ich den After Action Report (Tagesbericht) der 450th Squadron für den 11. April 1945, er bestätigte den Absturz und nannte die Namen der Crew. Es waren die gleichen Namen, die mir auch Trevor Allen genannt hatte.

unten:
Die Originalseite der Lülsdorfer Schulchronik mit den Geschehnissen des 11. April 1945

Mit Hilfe eines Historikers in den USA bekam ich Zugang zu militärischen Dokumenten der 322nd  Bombardment Group und der 82nd Airborn Division, die auf der linken Rheinseite lag und seinerzeit den Absturz miterlebte und später die verletze Crew übernahm. Hierin fand ich alle wesentlichen Details zum Flug, zum Absturz und zur Bergung der verletzten Crew.
 
Jetzt mussten nur noch ein paar tausend Dokumente durchgesehen und übersetzt werden. Und so reihte sich Steinchen an Steinchen, bis das Rätsel um die Geschehnisse des 11. April 1945 endlich gelöst war.

Heute, nach knapp vier Jahren intensiver Forschung, kann ich die Geschichte des Fluges, des Absturzes, der Bergung und die Übergabe der verwundeten Crew an die amerikanischen Streitkräfte der 505th Parachute Infantry Regiment auf der anderen Rheinseite fast minütlich dokumentieren.

Der folgende Bericht erzählt die Geschichte eines Flugzeugabsturzes, wie es während des zweiten Weltkrieges Tausende gab, auf deutscher wie auf alliierter Seite.
Aber nur dieser eine Absturz und die Folgen waren so ungewöhnlich, dass er sogar Einzug in die amerikanische Literatur fand. Martha Gellhorn, die amerikanische Journalistin und Kriegsreporterin, hat ihn miterlebt. Und dieses Erlebnis war es ihr wert, festgehalten und publiziert zu werden.
In Ihrem Buch „The Face of War“ veröffentlichte sie 1959 in  dem Artikel „Das Deutsche Volk“ unter anderem die Geschehnisse des 11. April 1945 in Lülsdorf.
 
 


Einführung zu den Geschehnissen in und um Köln im März und April 1945

 
Am 06. März 1945 rücken amerikanische Truppen aus Richtung Köln-Ehrenfeld und Lindenthal in Richtung Kölner Dom und Hohenzollernbrücke vor. Fast alle deutschen Kampfverbände haben sich ab dem 03. März mit Fähren auf die rechtsrheinische Seite zurückgezogen und dort Stellung bezogen. Am 07. März wird das linksrheinische Köln eingenommen, die amerikanischen Truppen stehen am Rhein. Am 08. März besetzen amerikanische Truppen  der 104th Infantry Division und der 8th Infantry Division den Bereich Urfeld-Wesseling-Sürth und Weiß auf der linksrheinischen Seite.
Am 07. März gelingt es der 9th US.-Panzer-Division, die unbeschädigte Rheinbrücke bei Remagen zu erobern. Damit haben die amerikanischen Truppen die Möglichkeit, auf der rechten Rheinseite einen Brückenkopf zu bilden. In den nächsten Wochen werden sie bis auf eine Linie Siegburg – Siegen  und im weiten Bogen bis Lippstadt vorstoßen.

Am 24.03 überqueren britische und kanadische Einheiten bei Wesel den Rhein und stoßen nördlich des Ruhrgebiets weiter ins deutsche Hinterland vor und vereinigen sich am 01. April bei Lippstadt mit den amerikanischen Truppen. Damit sind rund 300.000 Soldaten der Heeresgruppe B und Millionen Zivilisten in einem teils völlig zerstörten Gebiet eingeschlossen.
 
Anfang April wird die amerikanische 82nd Airborn-Division von Sissone in Frankreich an das linke Ufer des Rheins verlegt, um die dort stationierten Kräfte der 86th Infantry-Division abzulösen. Per Zug und via Straße werden die Truppen an den Rhein transportiert. Ab dem 04. April besetzt das 325th Glider-Infantry-Regiment das linksrheinische Köln von Riehl bis in den Rheinbogen nördlich von Weiß. Gegenüber von Langel liegt jetzt das 505th Parachute-Infantry-Regiment. Es sichert insgesamt auf einer Linie von Weiß bis Wesseling die rechtsrheinischen Orte von Porz bis Niederkassel.
 
Seit dem 07. März ist die Front jetzt am rechtsrheinischen Ufer angekommen.
Die deutsche Wehrmachtseinheiten auf der rechtsrheinischen Seite sind in einem desolaten Zustand, ausgelaugt und meist ohne schwere Waffen. Es fehlt an Verpflegung, Treibstoff und Munition. Viele Einheiten bestehen aus zusammengewürfelten Mannschaften verschiedener Waffengattungen, Versprengten und einem völlig unmotivierten Volkssturm, dem jegliche Kampferfahrung fehlt.
Die vorrückenden amerikanischen Verbände haben die deutschen Truppen erst über den Rhein getrieben, wobei diese enorme Verluste an Menschen und Waffen erleiden.     
Jetzt drücken zusätzlich die vorrückenden Panzerverbände der 13th US-Panzer-Division, von der Sieg aus kommend Richtung Troisdorf, Sieglar und Niederkassel, die deutschen Verbände immer weiter zurück in den bestehenden Ruhrkessel.


unten:
Die Situation der Wehrmacht um den 11.04.1945 /  Quelle: de-academic.com

Die Bevölkerung in den Orten Uckendorf, Ranzel, Lülsdorf und Langel wird von den zurückgehenden deutschen Truppen förmlich überrannt. In Schulen, Gasthöfen und auf Bauernhöfen werden die Soldaten einquartiert. Hierbei kommt es vielerorts zu Plünderungen und Vandalismus durch die Wehrmachtssoldaten.
 
 
Zwar haben die Bombenangriffe nachgelassen, dafür werden die Orte am Rhein seit Anfang März mit Artillerie- und Mörsergranaten belegt. Mit Regelmäßigkeit beschießen die amerikanischen Truppen die rechte Rheinseite, niemand ist vor den Einschlägen und Granatsplittern sicher. Mehrere Langeler und Lülsdorfer Bürger werden dadurch getötet oder verwundet. Über vierzig deutsche Soldaten, die hier einquartiert waren oder sich auf die rechte Rheinseite retten wollten, kamen dabei alleine in Langel ums Leben.
 
 
Eine regelmäßige Bestellung der Felder ist durch den Granatbeschuss und die Scharfschützen nicht durchführbar, alles, was sich in Ufernähe bewegt, ist ein potentielles Ziel der amerikanischen Soldaten.
 
Der Schulunterricht ist schon seit Wochen nicht mehr möglich, die Menschen leben überwiegend in Kellern und selbstgeschaffenen Bunkern. So lebt zum Beispiel der Langeler Pfarrer Kallenbach mit einigen Bürgen im zum Luftschutzbunker ausgebauten Pfarrhauskeller.
 

Anfang April wird der Beschuss immer heftiger, nur noch wenige deutsche Verbände sind im Rheinbogen zwischen Zündorf und Lülsdorf anzutreffen. Alles ist im Aufbruch und auf dem Rückzug, eine einheitliche militärische Führung ist nicht mehr vorhanden, jeder versucht sich zu retten. Die Bevölkerung hofft auf ein baldiges Ende des Krieges und ein schnelles Vorrücken der amerikanischen Streitkräfte.
 
 
Dann kommen die Ereignisse des 11. April 1945 und trotz all dem Leid, das zur täglichen Routine geworden ist, werden einige wenige Menschen auf beiden Seiten des Rheins den Krieg für eine ganze Stunde anhalten. Mitgefühl, Fürsorge und Menschlichkeit werden zurückkehren und vergessen lassen, wer Freund oder Feind ist.

Flugfeld Beauvechain in Belgien.
 
 
Von den belgischen Streitkräften im Jahre 1936 errichtet, wurde der Flugplatz im Zuge des Westfeldzuges von der deutschen Wehrmacht eingenommen. Mehrere Kampfgeschwader der Luftwaffe waren in Le Culet, so der damalige Name, stationiert. Im Vorfeld der alliierten Invasion in der Normandie am 06. Juni 1944 wurde der Flugplatz Anfang 1944 von der 8th US-Luftflotte bombardiert. Nach der Einnahme Belgiens durch die amerikanischen Streitkräfte nutzt die 9th Air Force nach sechswöchiger Reparatur den Flugplatz ab Oktober 1944 bis Juni 1945 als Basis für Jagd- und leichte Bombergruppen.

Ab März 1945 ist die amerikanische 322nd Bombardment-Group (M) hier stationiert.  Sie besteht aus der 449th, 450th, 451st und 452nd Squadron.
 
Nach ihrem Kommandeur, COL  Glenn C. Nye, nennen sich die Besatzungen  „NEY´S ANNIHILATORS“ (Ney´s Vernichter).


Die 322nd BG fliegt ausschließlich den leichten Bomber B-26 Marauder.
 
Zwei Pratt&Whitney Doppelsternmotore mit je 1920 PS ermöglichen ihm eine Höchstgeschwindigkeit von 455 km/Std. bei einer Flughöhe von 1530 m ( 5019 Fuß ).
 
Bei einer Flughöhe von 15.000 Fuß ist sie immer noch 441 km/Std. schnell, die Dienstgipfelhöhe liegt bei 19.800 Fuß.

 
Ihre Bewaffnung besteht aus acht  12,7 mm-Browning MG´s und sie kann rund 1,8 to. Bombenlast tragen.
 Die Besatzung besteht aus 6 Mann. Ursprünglich waren es 7 Mann, aber 1944 wurde der Tunnel-Gunner, der im Rumpf stehend beidseitig aus den
Seitenöffnungen zwei MG´s bediente, eingespart.

 
  
oben:
Flugfeld Beauvechain im Winter 1944 /45  / Quelle: http://www.belgian-wings.be

oben:
B-26 B Marauder / Quelle unbekannt, Privatarchiv Weichert

Der Angriff auf Aschersleben
 
 
Am 11.04.1945 um 07:15 treffen auf dem Flughafen Beauvechain 44 Besatzungen der 322nd BG  zum Briefing zusammen. Ziel des geplanten Angriffs ist Aschersleben, eine Stadt am Nordostrand des Harzes. Hier sind die Junkerswerke und die Ascherslebener Maschinenbau AG sowie umfangreiche Bahnanlagen ein  lohnendes Ziel für die amerikanische Bombergruppe.  
Der Start ist für 10:00 Uhr, die Rückkehr zur  Basis für 13:44 Uhr vorgesehen. Der Angriff erfolgt in 3 Flugzeuggruppen zu je 6 sogenannten Boxen. Jede Box besteht wiederum aus 6 B-26 Bombern, die eng gestaffelt fliegen.

In der 2. Gruppe, linke Box ( roter Kreis ) fliegt in der Mitte die B-26   42-96030  030 P von  Pilot 1st Lt. John Hopkins. Trotz seiner 22 Jahre hat er schon bei mehreren Angriffen auf Ziele in Deutschland viel Erfahrung gesammelt. Sein Copilot, 2nd Lt. John Lidicker ist gleichalterig, ebenso der Navigator und Bombenschütze  2nd Lt. Donald Wolberg.Bordfunker ist der 23jährige  Sgt. Andrew Samar. Heckschütze der 21jährige S/Sg. Emory Koker. In der Turmkanzel sitzt der Jüngste der Crew, der erst 18 Jahre alte Sgt. Warren Dwyer.                                                                      
Quelle Archiv Swank, Bloomington

Exakt um 09:40 werden die Motoren der 44 Maschinen angelassen, zehn Minuten später rollen die B-26 auf die Startbahn. Pünktlich um 10:00 Uhr heben die ersten Bomber von der Startbahn ab. Das Wetter ist fast wolkenlos, es verspricht ein ruhiger Flug zu werden. Geht doch der Anflug bis zum Rhein über „freundliches“, also von den eigenen Truppen besetztes Gebiet. Solange die Maschinen sich nicht dem Ruhrkessel mit seinen rund 300.000 eingeschlossenen Wehrmachtseinheiten nähern, ist auch nicht mit großartigem Flakbeschuss  zu rechnen.
oben:
Flugrouten : Mittig die Anflugroute, darunter die abweichende Rückflugroute über Marburg, Gießen Richtung Köln                    
Quelle Archiv Swank, Bloomington


Der Anflug geht über Belgien nach Zülpich und Hillesheim, das um 11:03 in 6.000 Fuß Höhe überflogen wird. Eine Maschine (397 A) aus der 3. Box unter 2nd Lt. Behnke meldet mechanische Probleme und schert aus dem Verband aus und fliegt zurück zur Basis. Somit sind nur fünf Maschinen in dieser Box auf dem Weg nach Aschersleben. Eine halbe Stunde später erreicht man Gießen, wo sich alle Maschinen zum Rendezvous treffen und auf eine Höhe von 10.000 Fuß steigen.
 
Pünktlich um 12:11 Uhr ist das Ziel Aschersleben erreicht, die Maschinen der ersten Gruppe klinken ihre jeweils acht 500 lbs (ca. 227kg) Bomben aus, die Sekunden später am Boden explodieren. Nach einer Rechtskurve hinter Aschersleben fliegen sie eine Schleife und nehmen den Weg zurück Richtung Gießen.

Die zweite Gruppe erreicht Aschersleben Minuten später. Jedoch aufgrund der vorherigen Bombardierung durch die erste Gruppe ist das Zielgebiet durch Rauch und Staub völlig aus der Sicht der Piloten und der Bombenschützen. So entschließt sich die Gruppe, ein Primärziel anzugreifen, einen Eisenbahnknotenpunkt in Güsten, etwa 70 km östlich von Aschersleben.
Auf dem Flug dorthin versagt jedoch das Bombenzielgerät (PDI) des Führungsflugzeuges, was einen präzisen Bombenabwurf unmöglich macht.
 
Und da die nachfolgenden Maschinen ihre Bombenlast erst dann abwerfen, wenn die mit PDI ausgestattete Führungsmaschine ihre Bomben ausklinkt, nehmen alle fünf Maschinen ihre Bomben wieder mit zurück auf den Rückflug.
 
Nun ist zu vermuten, dass durch dieses Ausweichziel und eine unklare Navigation der Führungsmaschine eine zu große Rechtskurve geflogen wird. Damit ist die Richtung zur Rückflugroute zwar richtig, jedoch um gut 20 km nach Süden versetzt.  Als sie ihren Fehler bemerken, fordern sie mehrfach Orientierungshilfe in Form von Peilungen an.  Aber auch diese Unterstützung scheitert an technischen Problemen.  So fliegen sie parallel zur eigentlichen Rückflugroute Richtung Gießen.

 
Etwa 10 km südlich von Marburg fliegen sie eine scharfe 90 Grad Kehre nach rechts, überfliegen Marburg und auch Gießen, um dann erneut zu korrigieren und um ca. 45 Grad nach links zu fliegen. Damit stimmt die Rückflugrichtung wieder, aber um gut 30 km nach Süden versetzt.
Und damit kommen die  fünf Maschinen dem äußeren Rand des Ruhrkessels und der dort noch vorhandenen Flak sehr nahe. Und so nimmt das Schicksal der Besatzungen seinen Lauf.

Die fünf B-26-Bomber fliegen, seitlich mit großem Abstand zueinander, in verschiedenen Höhen von 5.000 bis 2.500 Fuß. Die B-26   42-96030  030 P von  Pilot 1st Lt. John Hopkins fliegt in etwa 2.500 Fuß am rechten Rand der Gruppe. Um 13:45 überfliegt sie die Wahner Heide und gerät in Höhe von  Wahn in leichtes Flak- und MG-Feuer. Flaksplitter dringen in die Maschine ein und zerfetzen dem in der Turmkanzel sitzenden Warren Dwyer den rechten Oberschenkel. Dabei wird auch die Schlagader im seinem Bein zerrissen, was einen starken Blutverlust verursacht.
 
Das linke Triebwerk beginnt zu rauchen, Feuer entsteht an der Vorderkante des Flügels und der rechten Triebwerksgondel. Hopkins weiß, dass er nur zwei Möglichkeiten hat: Entweder steigt die gesamte Mannschaft hier aus und versucht, sich mit dem Fallschirm zu retten. Dabei hätte Dwyer aufgrund seiner schweren Verletzungen keine Chance.
Oder er versucht den Bomber notzulanden. Diese Möglichkeit hat einen Schwachpunkt, die Maschine ist noch mit 8 Bomben beladen, die er schnellstmöglichst loswerden muss. Eine Bruchlandung mit den Bomben an Bord würde niemand der Crew überleben.

Inzwischen steht das rechte Triebwerk in Flammen. Hopkins zieht eine scharfe Linkskurve, öffnet den Bombenschacht und lädt seine Bombenfracht zwischen den Feldern von Weilerhöfe und Uckendorf ab. Die meisten seiner Bomben treffen jedoch den Dorfkern von Uckendorf. Nach vier heftigen Explosionen steht der Dorfkern von Uckendorf in Flammen.
 
Hopkins behält die Linkskurve weiter bei, wobei die Maschine sehr rasch an Höhe verliert. Zwischen Wahn und Zündorf beendet er die Linkskurve und fliegt in einem flachen Sturzflug auf Langel und Lülsdorf zu.


 




Augenzeugen
 
 
Auf dem linken Rheinufer in Wesseling sitzt um diese Zeit der 25jährige 2nd Lt. Jacques J. Saunder in seiner Unterkunft und bearbeitet Vernehmungsprotokolle von deutschen Wehrmachtsangehörigen. Das 505th PIR hatte diese deutschen Soldaten in den letzten Tagen bei nächtlichen Patrouillenfahrten auf dem rechten Rheinufer gefangen genommen.
Lt. Saunder gehört zu einer Spezialeinheit der 82nd Airborne Division, die für die psychologische Kriegsführung und im speziellen für die Vernehmung Deutscher Kriegsgefangenen zuständig ist. Saunder spricht fließend deutsch, denn er ist 1920 als Sohn polnischer Eltern unter dem Namen Jacob Szuchman in Berlin geboren und aufgewachsen. Im November 1938 verlassen er und seine Eltern Deutschland und emigrieren mit dem Schiff, der „NIEUW AMSTERDAM“ , über Antwerpen in die USA.
Sie lassen sich in New York nieder, wo Szuchmann als Laborant arbeitet. Im November 1942 erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft und nimmt den Namen Jacques Saunder an.  Bereits im August 1941 meldet er sich als Freiwilliger beim Signal Corps der US-Armee.
Saunder ist es zu verdanken, dass die folgenden Ereignisse schriftlich in allen Einzelheiten festgehalten wurden.
 
In der gleichen Unterkunft sitzt die bekannte amerikanische Journalistin Martha Gellhorn, die als Kriegsreporterin den Weg der 82nd Airborn Division von Frankreich bis nach Deutschland begleitet hat. Die 37jährige Gellhorn, seit 1940 mit Ernest Hemingway verheiratet, begann ihre Karriere als Kriegsreporterin mit Reportagen über den Spanischen Bürgerkrieg und schreibt für die angesehene amerikanische Zeitschrift Collier´s.
Sie wird ebenfalls Augenzeuge der nun folgenden Ereignisse und wird diese Geschichte erstmals am 26. Mai 1945 in der Zeitschrift Collier´s veröffentlichen. Weitaus ausführlicher geht sie in Ihrem 1959 erschienenen Buch „The Face of War“ auf diese Ereignisse ein.
 

Der Absturz der B-26, die Rettung der Crew und die Folgen
 
 
Um 14:00 Uhr stürzt die Maschine in ein Feld am Ortsrand von Lülsdorf und geht in Flammen auf. Ein riesiger, schwarzer Rauchpilz liegt über der Absturzstelle.
 
Der Absturzort wird von den amerikanischen Einheiten ziemlich genau bezeichnet, er liegt in einem heute bebauten Bereich zwischen Bachstrasse, Rothgässchen und Elly-Ney-Strasse.

Sofort laufen Soldaten der nahegelegenen Flakstellung und mehrere Zivilisten aus Lülsdorf zum Absturzort. Beim Aufprall der Maschine sind einige Mitglieder der Crew herausgeschleudert worden und liegen jetzt um das Flugzeug herum. Andere, wie der Pilot John Hopkins, der Co-Pilot John Lidicker und der Turmschütze Warren Dwyer sind in der brennenden Maschine eingeklemmt und werden von den deutschen Soldaten und  Zivilisten geborgen.
 
 
Warren Dwyer hat schwerste Verletzungen im Bereich der Oberschenkel und Beine und ist seinen Verletzungen erlegen. Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob er bereits  vor oder erst nach dem Absturz verstorben ist. Er wird von Bewohnern des Ortes in unmittelbarer Nähe zum Flugzeugwrack beerdigt. Als er am 16.04.1945 von den inzwischen vorgerückten amerikanischen Einheiten wieder ausgegraben wird, ist sein rechter Oberschenkel mit einem Hosengürtel abgebunden, um die seinerzeitige Blutung zu stoppen. Dieser Gürtel war aber nicht Bestandteil seiner Uniform. Es ist also anzunehmen, dass dieser Gürtel von einem deutschen Soldaten oder Zivilisten angelegt wurde und Dwyer nach dem Absturz noch lebte.
 
Dafür fehlte bei Dwyers Exhumierung dessen Erkennungsmarke, die ihm mit großer Wahrscheinlichkeit vor der Beerdigung abgenommen wurde. Normalerweise verblieb immer ein Teil der Marke beim Gefallenen, was seine Identifizierung ermöglichte. Dies war hier nicht der Fall und somit wurde Dwyer nach seiner Exhumierung als „unbekannter Soldat“ auf den amerikanischen Soldatenfriedhof nach Idstein gebracht und dort beigesetzt.

Hopkins und Lidicker sind schwer verletzt und haben starke Verbrennungen erlitten, ebenso wie der Navigator Wollberg, der zusätzlich noch einen Ellenbogenbruch davon- getragen hat. Der Bordfunker Andrew Samar erleidet starke Gesichtsverletzungen sowie ein gebrochenes Bein und schwere Verletzungen an den Händen.
 
Der Heckschütze Emory Koker hat lediglich eine Brustkorbprellung davongetragen, hat aber einen schweren Schock erlitten und rennt völlig kopflos auf den Ort Lülsdorf zu.
 
Inzwischen ist es 14:15, es sind noch mehr Personen an der Absturzstelle eingetroffen und haben Tragen mitgebracht. Die verletzten vier Crewmitglieder werden notdürftig versorgt, auf die Tragen gelegt und in den Ort Lülsdorf getragen. Diese Aktion wird von den Amerikanern auf der linken Rheinseite mit Argwohn betrachtet, aber es wird weder eingegriffen noch auf die Deutsche Gruppe geschossen.
Lediglich ein Fallschirmjäger der B-Kompanie setzt sich gegen 14:30 Uhr in ein Boot und überquert aus eigenem Anlass und ohne Befehl den Fluss, um die Crew zu holen. Er landete am Lülsdorfer Ufer und geht die Uferstraße entlang Richtung Ortsmitte. Hier gerät er unter Feuer der Deutschen, springt in einen Splittergraben und kommt mit einem Gefangenen wieder zum Vorschein. Er geht mit seinem Gefangenen zum Fluss, steigt in ein anderes Boot und fährt zurück ans linke Ufer. Nach etwa 50 Meter dreht er wieder um, da das Boot voll Wasser läuft und zu sinken droht. Er zerrt seinen Gefangenen wieder ans Ufer, geht 300 Meter am Strand zurück zu seinem ursprünglichen Boot und kehrt auf die linke Rheinseite zurück. Hier übergibt er um 15:30 seinen Gefangenen an die 505th PIR.

Gegen 16:00 Uhr erreicht die Gruppe mit den verwundeten amerikanischen Soldaten den Ortsrand von Lülsdorf. Hier ist jedoch kein Arzt vorhanden, der sich um die schwerverletzten amerikanischen Soldaten kümmern könnte. Lediglich ein belgischer Zwangsarbeiter, der als Sanitäter im Feldmühle-Werk arbeitet, verfügt über rudimentäre Kenntnisse in der Erstversorgung von Verwundeten.
 
Der  erst 19 jährige Eugene Bosman, der schon seit 1941 als Fremdarbeiter bei mehreren Firmen in Deutschland gearbeitet hat, wohnt zusammen mit seinem Vater im Gasthof „Bröhl“ in Lülsdorf und arbeitet bei der Feldmühle AG in Lülsdorf. Er kümmert sich aufopferungsvoll um die Verwundeten und lässt den Pfarrer, Dr. Johann Koch, und die als Krankenhelferin tätige Maria Erven holen. Er möchte verhindern, dass die Deutschen Soldaten, die noch in Lülsdorf sind, von dieser Aktion Kenntnis erlangen und die Verwundeten als Kriegsgefangene nehmen oder aber gar Schlimmeres mit ihnen anstellen.
 
Emory Kocker ist es nämlich so ergangen, als er völlig unter Schock stehend auf den Ort Lülsdorf zuläuft. Zivilisten fangen ihn ab und begleiten ihn in die Ortsmitte. Dort wird er sofort von einer Gruppe Deutscher Soldaten umringt und gefangengenommen. Die Deutschen sind im Aufbruch begriffen und wollen sich Richtung Porz absetzen, denn die ersten Amerikanischen Panzerverbände sind schon in Troisdorf und Spich und rücken auf Wahn zu. Der Lärm der Gefechte und das Rasseln der Panzerketten ist schon bis Niederkassel zu hören.



Man beratschlagt, wie man mit den verwundeten amerikanischen Soldaten weiter verfahren soll. Pfarrer Dr. Koch schlägt vor, die amerikanischen Einheiten auf der anderen Rheinseite zu kontaktieren. Dieses Unterfangen ist nicht ganz ungefährlich, denn die Amerikaner schießen auf alles, was sich im Uferbereich bewegt.
 
Doch seit dem Absturz der B-26 ist kein Schuss gefallen, so das man sich entschließt, mit weißen Fahnen zum Rheinufer zu gehen. Angeführt von Pfarrer Dr. Koch gehen einige Zivilisten und zwei Soldaten sowie der Belgische Fremdarbeiter Bosman ans Rheinufer und fordern die Amerikaner auf, ihre verwundeten Kameraden abzuholen. Man sagt zu, während der Bergungsaktion die Waffen schweigen zu lassen.
Längere Zeit halten sich die Amerikaner auf dem linken Rheinufer bedeckt, fürchten sie doch einen Hinterhalt.

 
Gegen 17:30 Uhr verlässt 1st Lt. Novik  den Divisions-Kommandostand der 505th PIR. Hierbei trifft er auf den den S-2 , 2nd  Lt. Saunder und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen. Auch Saunder traut der Aktion mit den weißen Fahnen nicht, befürchtet einen Hinterhalt der Deutschen. Andererseits haben sie die Rettungsbemühungen der Deutschen um ihre abgestürzten Kameraden verfolgen können. Lt. Novik geht zur 1. Kompanie am Rheinufer und macht über Megafon den Deutschen klar, dass diese sich ruhig verhalten und für die Zeit der Bergung ihre Waffen niederlegen sollen.

 
Um 18:00 Uhr setzt Lt. Novik mit einigen Soldaten in einem Boot über den Rhein. Die Deutschen verhalten sich ruhig und freundlich und helfen den Amerikanern, die vier Verwundeten ins Boot zu laden. Deutschen Soldaten, denen angeboten wird, sich in Kriegsgefangenschaft zu begeben, weisen dieses Ansinnen entschieden zurück. Und die Amerikaner unternehmen nichts, es wäre ihnen ein Leichtes gewesen, die Deutschen Soldaten zu entwaffnen und mit ins Boot zu nehmen. Um 19:10 kehren die Amerikaner ans linke Rheinufer zurück, die Verwundeten werden dort dem 307th Airborne Medical Battalion übergeben.
oben:
Auszug aus dem AAR (After Action Report) der 322nd Bombardment Group des Fluges nach Aschersleben.
darüber:
Ein Originalprotokoll einer Crew, die den Absturz beobachtet hat. Sie sah, dass die Maschine von Hopkins Feuer fing, abstürzte und explodierte. Auch hier wird als Absturzort „Nähe Wahn“ angegeben.                
Quelle für 322nd BG: AFHRA / CD B0241

In beiden Protokollen  wird als Absturzort die falsche Koordinate 550450 bzw. 550500 (Wahn)  angegeben. Die Angaben wurden unmittelbar nach der Rückkehr der Maschinen zur Basis von einigen Crews, die den Absturz von Hopkins beobachtete hatten, zu Protokoll gegeben. Diese Protokolle waren die Grundlage für den After Action Report.
unten:
Im Folgenden einige Tagesaufzeichnungen der 82nd Airborn Division, festgehalten in deren G-2 Bericht.
Hier geben unterschiedliche Einheitsteile der 82nd ABD, wie die 505th PIR oder die Divisions-Artillerie, ihre zeitnahen Eindrücke vom Absturz der B-26 von Lt. Hopkins  wieder.
Die Berichte werden am 11.04.1945 zwischen 14:10 Uhr und 20:40 Uhr erstellt.

Im Bericht der DIV.-ARTY von 14:10 wird erstmals der genaue Absturzort mit den Koordinaten 4780 4830 angegeben ( Karte Sheet 5108 / Scale 1:25.000).
 
Im Bericht der 505 PIR von 14:40 wird der Absturzort vereinfacht mit den Koordinaten 480 485 angegeben
Die 505th PIR dokumentiert um 15:00 Uhr die Hilfe der Zivilbevölkerung  bei der Bergungsaktion.
Ebenso wird für 14:45 festgehalten, dass der Ort Uckendorf in Flammen steht. Vorausgehende Ursache hierfür war mit großer Wahrscheinlichkeit der Notabwurf der Bomben von Hopkins vor dem Absturz.
Quelle: G-2 Journal and Message file for 7 April to 28 May 1945, 82nd Airborn Division
           https://mcoepublic.blob.core.usgovcl / D97 I2031.pdf
unten:
Abschließend der Bericht von Lt. Novik, der die Bergung der verletzten Crew veranlasste. Er vermerkt in seinem Bericht, dass wahrscheinlich ein Crewmitglied unverletzt in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten ist.
 
 
Quelle: G-2 Journal and Message file for 7 April to 28 May 1945, 82nd Airborn Division
        https://mcoepublic.blob.core.usgovcl  / D97 I2031.pdf

Martha Gellhorn, die amerikanische Kriegsreporterin berichtet in Ihrem Buch
“DAS DEUTSCHE VOLK“ von dem Absturz und beschreibt die Bergungsaktion mit folgenden Worten:
 

…..um sechs Uhr begann eine der seltsamsten Episoden, die irgendjemand bis dahin in diesem Krieg erlebt hatte und es waren einige Männer dabei, die sämtliche vier Luftlandeoperationen der 82. Division und die Ardennenschlacht überlebt hatten und wohl behaupten durften, alles gesehen zu haben.

 Auf der grünen Uferböschung der anderen Rheinseite begann jemand, eine weiße Fahne zu schwenken. Keiner kümmerte sich darum, weil das nicht unbedingt etwas zu besagen hatte. Dann kam eine Prozession zu einer der Anlegestellen hinunter. Sie trugen einen Rote-Kreuz-Fahne. Durch den Feldstecher konnten wir einen Arzt, einen Priester und zwei deutsche Soldaten erkenne, die eine Bahre trugen. Ein Landungsboot legte von unserem Ufer ab, gut gedeckt durch unsere Maschinengewehre für den Fall, dass das alles ein makabrer Scherz war. Sofort versammelte sich an beiden Rheinufer ein Publikum; normalerweise bewegte sich in diesem Gebiet kein Mensch bei Tageslicht, und selbst nachts nahm man sich in acht. Jetzt standen wir in der Sonne und schauten verblüfft zu. Langsam wurden drei weitere Bahren zu unserem Boot hinuntergetragen. Wir konnten Zivilisten erkennen, Kinder, deutsche Soldaten; jeder starrte jeden an. Wir vermochten nicht zu glauben, was wir da sahen, und standen immer noch auf dem Sprung, sofort in Deckung zu gehen. Dann wurde das kleine Boot in die Strömung abgestoßen...das Boot landete, und unser Arzt, der hinübergefahren war, schrie, wir sollten das Ufer räumen, die Krauts hätten gesagt, sie würden den Sanitätern Zeit zum Abladen geben und dann erst das Feuer eröffnen. Der Krieg hatte an dieser Hundert-Meter-Front für ungefähr eine Stunde aufgehört...
 

Der Krieg scheint zu Ende, denn es fällt kein Schuss mehr, weder von den Amerikanern noch von den deutschen Soldaten. Letztere sind damit beschäftigt, sich schnellst möglichst in Sicherheit zu bringen, sind  doch die ersten amerikanischen Verbände über Troisdorf und Spich Richtung Wahner Heide unterwegs, es kann sich nur noch um Stunden handeln, bis erste amerikanische Soldaten in Lülsdorf einrücken.
Und auch der Artilleriebeschuss von der linken Rheinseite hat aufgehört, die Nacht verläuft völlig ruhig. Lediglich das Rasseln deutscher Panzerketten ist auf der Straße von Lülsdorf nach Langel zu hören, immer mehr Wehrmachtseinheiten machen sich auf den Weg Richtung Porz und Köln-Mülheim.

 
So bricht auch die Gruppe, die Emory Koker gefangengenommen hat (wahrscheinlich Angehörige der 3. Fallschirmjäger Division), am Vormittag des 12. April auf und verlässt Lülsdorf mit ihrem Gefangenen in Richtung Porz. Die Straße ist voll von Lastwagen und Kettenfahrzeugen, die meisten Soldaten sind jedoch zu Fuß unterwegs, abgerissen und hungrig, teilweise ohne Waffen und ohne jede Führung. Und immer in der Gefahr, von tieffliegenden Jagdmaschinen der Amerikaner unter Beschuss genommen zu werden.
 
Die Gruppe erreicht Zündorf, wo sie Emery Koker an einen Offizier der SS übergeben. Hierbei handelt es sich um eine SS-Einheit, die als Wachpersonal für eine große Gruppe von Häftlingen aus dem Konzentrationslager Weimar-Buchenwald eingesetzt ist.
 
Diese Häftlinge verrichten Schanzarbeiten am Rheinufer und legen Minensperren an. Untergebracht sind sie in mehreren Viehwaggons, die auf den Gleisen der Kleinbahn in Zündorf stehen.  
Dieser SS-Offizier verhört Koker und ordnet darauf an, ihn umgehend zu erschießen. Ein anderer Offizier führt ihn daraufhin hinter ein Gebäude und fordert ihn auf, sich ruhig zu verhalten. Der deutsche Offizier sagte ihm, dass er (der Offizier) nur nach Hause wolle und dass die Amerikaner schon in der Nähe seien. Er schießt daraufhin eine Kugel neben Koker in den Dreck, geht nach vorne und meldet laut den Vollzug des Befehls. Wenige Stunden später rücken erste amerikanische Einheiten von Wahn nach Zündorf vor, Emery Koker, der sich die ganze Zeit versteckt hatte, ist in Sicherheit.
Die Crewmitglieder und was aus ihnen wurde
 
 
Alle überlebenden Crewmitglieder waren schwer verletzt und wurden zuerst vom 307th Airborne Medical Battalion versorgt und kehrten zwischen April und Mai 1945 in die USA zurück. Sie wurden alle mit hohen Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet und wurden noch im gleichen Jahr aus der Armee entlassen.

Alle Crewmitglieder sind inzwischen verstorben, von nur zwei Mitgliedern konnten Nachkommen in den USA ausfindig gemacht werden.  

Und hier war es, wie in Deutschland auch: Die Väter sprachen nicht über ihre Kriegserlebnisse, selbst die Ehefrauen kannten nur wenige Einzelheiten des Lebens ihrer Männer während dieser Zeit.  Und so war es nicht ganz einfach, die Geschichte der Crew nach dem Krieg zu erzählen.


Pilot 2nd  Lt John T Hopkins, geboren am 20.09.1923 in Washington

hatte sich Verbrennungen an den Beinen und Armen zugezogen. Nach seiner Genesung ging er wieder zurück in seinen Geburtsort Washington und heiratete am 15.03.1947, aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor.
 
Der ausgebildete Kartograph trat 1947 der amerikanischen Vermessungsbehörde bei und wurde 1961 Leiter des Illustrationsbüros des Survey-Project in Kentucky. 1969 kehrte er zurück nach Washington und wurde dort stellvertretender Leiter der Kartographie.
Am 08.08 1978 verstarb Hopkins in Leesburg im Alter von 54 Jahren an Krebs.


Copilot 2nd Lt. John Evan Lidicker, geboren am 22.03.1923 in Highland Park/Illinois

erlitt bei dem Absturz schwerste Verbrennungen am gesamten Körper. Nach monatelangen Krankenhausaufenthalten und Operationen wurde er entlassen, war jedoch zeitlebens Teilinvalide. Lidicker war Nachkomme deutscher und walisischer Einwanderer und wuchs in den Vororten von Chicago auf. Schon in jungen Jahren interessierte ihn die Fliegerei, er nahm Flugunterricht und meldete sich im Krieg zur Air Force.
Nach dem Krieg eröffnete er ein Fotostudio für Werbe- und Magazinfotografie in Chicago, die letzten Jahre seines Arbeitslebens war er als technischer Zeichner angestellt.
Am 28.11.2007 verstarb Lidicker im Alter von 84 Jahren in Jacksonville.


Tail Gunner  Sgt. Emory Jacob Koker, geboren am 19.10.1924 in Columbia/Ohio

Er überlebte den Absturz mit den geringsten Verletzungen, er trug lediglich eine Brustkorbprellung davon. Zusätzlich erlitt er aber einen schweren Schock, der ihn veranlasste, nach dem Absturz völlig kopflos vom Absturzort in Richtung Lülsdorf davonzulaufen. Hier wurde er ja dann von deutschen Soldaten gefangengenommen und einen Tag später von amerikanischen Truppen befreit.
 
Nach seiner Befreiung in Zündorf wurde auch er zuerst ins Lazarett des 307th Airborn Medical Battalion verbracht und kehrte bald in die USA zurück. Am 03. Oktober 1945 wurde er aus der Armee entlassen, auch er wurde mit dem Verwundetenabzeichen  Purple Heart und dem Tapferkeitsorden Air Medal ausgezeichnet.
 
Er arbeitete nach dem Krieg lange Jahre als Kurier für die Atomenergiekommission (AEC). Während dieser Tätigkeit lernte er seine zukünftige Frau kennen, die er am 12.Juni 1948 heiratete. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, Mark Koker.
Zeitlebens hielt er Kontakt zu seinen Kameraden, die mit ihm den Absturz überlebt hatten. Insbesondere mit John Hopkins und Andrew Samar verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Am 05.05.1999 verstarb Emory Koker im Alter von 74 Jahren in Springborn/Ohio.


Radio Operator (Funker) Sgt. Andrew Samar, geboren am 18.07.1922 in Hastings/NY

Mit schweren Verbrennungen im Gesicht und den an den Händen und mit einem gebrochenen Bein hatte er den Absturz überlebt.  Auch er wurde ins Feldlazarett überstellt und litt noch Jahre nach dem Krieg an seinen Verletzungen. Er heiratete in den späten 40er Jahren, über sein weiteres Leben nach dem Krieg ist leider nichts bekannt. Andrew Samer verstarb am 30.01.1997 im Alter von 74 Jahren in Somers/NY.


Navigator/Bombenschütze 2nd Lt. Donald Merle Wolberg, geboren am 03.03.1923 in Chicago,

erlitt bei dem Absturz schwere Verbrennungen und einen gebrochenen Ellenbogen. Wie die anderen Crewmitglieder wurde auch er ins Lazarett überführt. Am 17. Januar 1946 schied er im Rang eines 1st  Lt. aus der Army aus.
 
Donald Wolberg heiratete am 07.01.1947 in der  Synagoge von  Cook Country Rita Goldstein. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor.
Genaueres über sein weiteres und insbesondere berufliches Leben ist nicht überliefert. Er war mit großer Wahrscheinlichkeit in einem technischen Beruf tätig, denn er erhielt in den 50er und 60er Jahren zwei Patente für Schlüsseltaschen (Key holder) zugesprochen. Er verstarb am 08. Januar 1994 im Alter von 70 Jahren in Kingston/Pennsylvania.


Sgt. Warren Josef Dwyer, geboren am 26.11.1926 in New Orleans,

war der Einzige, der diesen Absturz nicht überlebte. Als Upper Turret Gunner stand er in der Mitte des Flugzeuges und schaute aus der Plexiglaskuppel im Dach der Maschine und bediente das Maschinengewehr. Beim Flakbeschuss durchschlugen Splitter der Granate die Außenhaut des Flugzeuges und trafen Dwyer am Oberschenkel. Die Verletzungen waren sehr schwer, er verlor viel Blut und verstarb kurz nach dem Absturz. Er wurde in unmittelbarer Nähe zum Absturzort beigesetzt, dabei wurde ihm jedoch seine Erkennungsmarke abgenommen.
 
Am 16. April wurde er von einem amerikanischen Bergekommando exhumiert und aufgrund der fehlenden Erkennungsmarke als unbekannter Soldat in Ittenbach beigesetzt. Es dauerte bis zum Juli 1945, bis der Leichnam nach dem Vergleich von Fingerabdrücken als der von Warren Dwyer identifiziert wurde.  Er wurde  abermals exhumiert und auf dem amerikanischen Soldaten-Friedhof in Margraten in den Niederlanden beigesetzt.
 
Posthum wurden ihm die Air Medal und das Purple Heart verliehen. Mit noch nicht einmal  19 Jahren starb Warren Dwyer am 11.April 1945 in Lülsdorf.

v.l.n.r.: John Hopkins, Andrew Samar, John Lidicker, Emory Koker   
 
Aufnahme Mitte der 80er Jahre / Privat

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Die auf dieser Website geschilderte Geschichte ist eine gekürzte Version der Geschehnisse um den 11.04.1945 in Lülsdorf.

Die Geschichte über den Absturz der  B-26 am 11.04.1945 wurde ungekürzt  erstmals veröffentlicht im Jahre 2022 in "NIEDERKASSELER HEFTE2 Nr.10.

Im Eigenverlag des "Luftkriegsarchiv-Köln" ist die ungekürzte Geschichte im Jahre 2024 als kleines Buch im Format A4 erschienen
und zum Selbstkostenpreis von 19,50 € zuzüglich Porto erhältlich.
Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.
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